Eine historische Kreuzeryacht restaurieren und segeln.


Die Geschichte

Charles Padday Murray (1868-1954), Nearing the Mark , Öl auf Leinwand (vor 1910)

Um Stellas Geschichte von Anfang an zu erzählen, müssen wir nunmehr 123 Sommer zurückblicken, in denen die Yacht unentwegt auf Nord- und Ostsee gesegelt ist. Sie hat nachweislich tausende Menschenleben entlang ihrer Küsten berührt und Dutzende davon nachhaltig geprägt. Als eine der ältesten noch erhaltenen Kreuzeryachten aus der Frühphase des Segelsports in Deutschland ist “Stella” ein wertvoller Bestandteil unseres maritimen Erbes.



Aber ganz von Vorn: wir schreiben das Jahr 1901. Clark Gable wird geboren, die erste Funkverbindung über den Atlantik etabliert, beim elften America’s Cup verteidigt Columbia den Titel gegen Shamrock II und die Kieler Woche feiert 20-jähriges Jubiläum. Ein unbekannter Lübecker Eigner bestellt bei Oertz & Harder in Neuhof bei Hamburg einen geräumigen Rennkreuzer von 10 Segellängen, welcher für den Regattaeinsatz als Einziger seiner Klasse und Größe slupgetakelt sein soll. Im September 1901 bringt der wohl bekannteste deutsche Yachtkonstrukteur des 20. Jahrhunderts Max Oertz ihre Linien zu Papier, über den Winter 1901/02 entsteht “Stella” in seiner Werft am Reiherstieg. Kielgang und Steven werden aus Eiche gefertigt, ebenso die gewachsenen Hauptspanten. Die Nebenspanten werden aus Esche hergestellt und eingebogen, an den Hauptspanten werden zur Verstärkung zusätzlich Stahlspanten bzw. -bodenwrangen eingesetzt. Die Außenhaut wird in Pitch Pine beplankt, das Deck mitsamt Decksbalken schließlich aus Oregon Pine gelegt – die Seetauglichkeit der Konstruktion entspricht vollständig den damaligen Anforderungen des Germanischen Lloyd. “Stella” steht qualitativ zur Zeit ihrer Entstehung ohne Zweifel an der Spitze des deutschen Yachtbaus – so dürfen wir noch über 120 Jahre später von der handwerklichen Sorgfalt und Hingabe der Oertz-Werft profitieren.

Linienriss „Stella“, Max Oertz, September 1901

Der erste Eigner scheint die Yacht kaum für ihren ursprünglichen Zweck genutzt zu haben: Regatten und eine Reise nach Königsberg summieren sich in seinem Besitz auf weniger als 1000 Seemeilen. Dass unser schleierhafter erster Eigner keine wirkliche Verwendung für “Stella” zu finden verstand, belegt auch die Tatsache, dass er sie bereits im Frühjahr 1904 wieder verkauft – glücklicherweise an einen äußerst mitteilsamen und seinerzeit bekannten deutschen Segler.

Im Besitz von Walter Protzen schreibt “Stella” deutsche Yacht-Geschichte: neben Paul Conströms “Astrid” und der “Stella Maris” der Familie Bruns macht Protzen mit ihr das Fahrtensegeln in Deutschland populär. Mehrere seiner Reiseberichte erscheinen in der damals noch recht jungen “Yacht”, später auch im Jahrbuch des Deutschen Kreuzer-Yachtverbandes, zu dessen wichtigsten Gründungsmitgliedern er gehört. Bereits in den ersten zwei Jahren legt “Stella” mit Walter Protzen mehr als doppelt so viele Seemeilen zurück wie der vorige Eigner in der gleichen Zeit. Auch wenn Walter Protzen sich mit ihr gelegentlich an Regatten beteiligt, steht er im Gegensatz zu seinem Bruder Otto deutlich seltener an der Startlinie. Um das Fahrtensegeln mit kleiner Crew zu erleichtern, kehrt “Stella” im Winter 1906 auf die Oertz-Werft zurück, wo ihr Konstrukteur die sportliche Sluptakelage gegen eine wetterfeste und handliche Yawltakelage ersetzt. Mit dieser bestreitet sie unter der fähigen Hand von Walter Protzen bis zum Beginn des Ersten Weltkrieges deutlich über 16.000 Seemeilen auf der Ost- und Nordsee, von Wismar bis in den Hardangerfjord und nach Haparanda.

Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges endet die gemeinsame Geschichte von Walter Protzen und “Stella”: er dient bei den Gardeschützen als Offiziersaspirant an beiden Fronten und erhält 1915 das Eiserne Kreuz, sie muss wohl in Wismar auf bessere Zeiten warten. Wohl aufgrund der Rezession nach Kriegsende verkauft er sie an Richard Haberkern, der sie in Gertrud VII umtauft. Nach kurzem Aufenthalt in Hamburg verkauft dieser sie jedoch weiter nach Schweden, wo sie über 100 Jahre verbringen soll.


Die erste Anlaufstation ist Stockholm in den goldenen Zwanzigern, hier segelt sie zuerst der wohlhabende Fabrikdirektor Sigfrid Fitger, später sein Geschäftspartner Walter Bäckström, der sie wieder in Stella umtauft. Als formschöne Kreuzeryacht wohl geschätzt und genutzt, scheint ihre prestigeträchtige Herkunft und Schnelligkeit bald in den Hintergrund zu treten. Bäckström hält nur noch einige Jahre an “Stella” fest, bis er sie an die Schwedische Marine verschenkt (wirklich! ein Oertz-Boot verschenken? das waren andere Zeiten.)

Die nächsten 25 Jahre liegt sie bei der Marinebasis Skeppsholmen in Stockholm und dient als klassisches Offiziersschulschiff, wird jedoch schließlich aufgrund zu hoher Instandhaltungskosten 1959 an einen Kapitän nach Malmö verkauft.


Als ihr Eigner 1965 neue Segel in Kopenhagen bestellt, tritt er einhand seine letzte Fahrt an. Auf dem Rückweg geht er unter ungeklärten Umständen über Bord, “Stella” treibt herrenlos auf dem Öresund. Von einem ostdeutschen Hochseetrawler wird sie zurück nach Landskrona geschleppt, wobei der Vorsteven stark beschädigt wird. Nach mehr als einem halben Jahrhundert trägt “Stella” noch immer ihren Yawl-Rigg und ist unter Deck größtenteils unverändert. Die notwendigen Reparaturen am Rumpf erfolgen noch im selben Winter auf der Oskarssons Batvarv in Landskrona, wo sich auch prompt ein neuer Käufer findet: Bertil Svensson gibt “Stella” einen Bermuda-Slooprig und tauft sie auf den Namen “Bonita”. Nach seiner recht kurzen Kustodie von kaum 4 Jahren (mit einem bisher ungebrochenen Regattarekord beim Kullaseglingen) kauft das “Landskrona Sjöscoutkar” die Yacht und funktioniert sie in ein Segelschulschiff um, hierbei wird schließlich der originale Innenausbau zurückgebaut, die Ausmalungen an Schotts und Balken verschwinden in diesem Zug endgültig. “Bonita” bekommt ein zweckmäßiges Sperrholzinterieur mit ausreichend Schlafplätzen für 9 Jugendliche, mit welchem sie bis zum letzten Jahr jeden Sommer gesegelt worden ist. Auch der Slooprigg wurde schrittweise verändert, mittlerweile trägt die Yacht einen 21 Meter langen Aluminiummast.

Während ihres langen Lebens in Borstahusen kümmern sich hauptsächlich zwei Brüder um sie. Einer von ihnen, Doug, lebt sogar am Hafen und verbringt jeden Tag Zeit am oder auf dem Boot. Über dreitausend Menschen werden zu seinen Lebzeiten auf Bonita mitsegeln. Sie machen Urlaubstörns, lernen die Seemannschaft von Grund auf oder legen Praxisprüfungen für Segelscheine ab. Allein in den Monaten im Hafen traf ich täglich Menschen, die schon einmal auf dem Boot gesegelt waren. Die zahllosen schönen Erinnerungen so vieler Menschen hier festzuhalten, würde jedoch hier den Rahmen sprengen (wir wollen diesen stattdessen eine eigene Dokumentation widmen).

Dougs frühzeitiger und tragischer Tod führt 2023 zur Entscheidung, Bonita zu verkaufen: die alternde Eignergemeinschaft kann seinen Arbeitsanteil nicht mehr aufteilen und muss sich schweren Herzens von ihrer langjährigen Begleiterin trennen.


Hier kommen wir ins Spiel: An einem regnerischen Novembertag 2023 stoße ich zum ersten Mal auf “Bonita”: in diesem Jahr hatte ich mir schon einen gut gepflegten Vertens-Kreuzer angesehen, doch da hatte noch die Vernunft über die Neugier gesiegt. Ich war gerade 21 geworden, nicht gerade das Alter, in dem sich die meisten Menschen für eine klassische Yacht entscheiden – so hatte auch ich mir eingeredet, es würde noch die richtige Zeit kommen. Gleich beim ersten Scrollen durch die Anzeige fiel mir auf: ein wunderschönes Boot, angeblich Oertz, und dann der Preis! Selten findet man eine seefähige klassische Kreuzeryacht im unteren fünfstelligen Bereich. Also: im Hinterkopf behalten, Woche für Woche, Monat für Monat, reinschauen. Bis April hatte sie sich nicht verkauft, doch ich fühlte mich, als müsste das nun jeden Tag passieren. Ich fragte mich: will ich die Chance verpassen? Eine Oertz-Yacht in greifbarer Nähe – das kommt nicht nochmal, und so musste ich es zumindest mal versucht haben.

Vertragsunterzeichnung in Borstahusen

Warum nur versucht? Greifbar ist relativ: mir war klar, dass “Stella” viel Aufmerksamkeit und Zuwendung brauchen würde, bis sie meinen Erhaltungsstandards entsprechen würde. Den damaligen Kaufpreis wollte ich über eine Eignergemeinschaft aufteilen, da ich ihn alleine nicht tragen konnte, wobei die konkreten Lösungen immer zu komplex waren und mich stets die Sorge begleitete, ich müsste bei der Restauration (für die ich mich nun fest entschlossen hatte) Kompromisse eingehen. Nach einer ersten Besichtigung im Juni sah das Bild für mich grau aus: “Stella” war in ihren über 120 Wintern noch die wirklich überholt worden, viele Stahl- und Holzbauteile des Rumpfes waren entsprechend gealtert. Das Deck hatte über die Jahre Leckstellen gehabt, elektronische Installationen überlagerten sich und verursachten Kriechströme im Rumpf. Das Sperrholz-Interieur hatte nach 60 Jahren ebenfalls ausgedient, und war ohnehin falsch konstruiert. Trotz all dieser Hindernisse (oder vielleicht auch deswegen) entschloss ich mich dazu, die Kustodie für dieses Denkmal des klassischen deutschen Yachtbaus zu übernehmen. Zahllose Aufgaben, zahllose Arbeitsstunden, viele Investitionen wird es brauchen, bis Stella wieder in ihrem alten Glanz erstrahlen kann. Hier beginnt Die Restaurierung.